Harrycane Orchestra
„Aman, aman … du grausame Welt …“
Zwischen Sehnsucht und Widerstand.
Zwischen dem, was ist, und dem, was sein könnte.
Zwischen den Erinnerungen an eine Welt, die vielleicht einmal anders gedacht wurde, und dem täglichen Erleben einer Gegenwart, die sich immer weiter zu verhärten scheint.
Aman, aman.
Ein Seufzer.
Ein Aufschrei.
Eine Bitte.
Vielleicht auch eine Form von Trotz.Die Musik des Harrycane Orchestra entsteht aus diesem Spannungsfeld.
Sie versucht nicht, die Welt zu erklären. Und schon gar nicht, sie musikalisch zu versöhnen.
Sie hält die Widersprüche aus.
Das Schöne neben dem Verstörenden.
Die Ruhe neben der Unruhe.
Tradition neben Gegenwart.
Nähe neben Fremdheit.
Zärtlichkeit neben Wut.Musik als Zwischenraum
Orientalische Melodien begegnen Jazz. Türkischer Gesang trifft auf freie Improvisation. Komplexe Rhythmen stehen neben langen, beinahe schwebenden Klangflächen.
Doch es geht nicht darum, unterschiedliche musikalische Kulturen möglichst gefällig miteinander zu verschmelzen.
Die Reibung bleibt hörbar.
Das Fremde darf fremd bleiben.
Der Rhythmus darf stolpern.
Die Melodie darf ausbrechen.
Ein Klang darf stehen bleiben, bis er unbequem wird.Musik wird zum Zwischenraum – einem Ort, an dem unterschiedliche musikalische Sprachen aufeinandertreffen, ohne ihre Herkunft verleugnen zu müssen.
Der Rhythmus unter der Oberfläche
Da ist der Puls.
Manchmal klar.
Manchmal verschoben.
Manchmal in ungeraden Bewegungen, die sich erst nach und nach erschließen.
Rhythmus wird hier nicht nur als Takt verstanden, sondern als körperliche Erfahrung.
Er treibt.
Er trägt.
Er irritiert.
Er beruhigt.Und manchmal entsteht aus vielen einzelnen Bewegungen etwas Gemeinsames, das niemand allein geplant hat.
Vielleicht ist genau das eine der Möglichkeiten von Musik:
Zusammen sein, ohne gleich sein zu müssen.
Dunkle Räume, offene Horizonte
Die Musik kann dunkel werden.
Nicht, weil sie hoffnungslos wäre.
Sondern weil Hoffnung ohne Dunkelheit schnell zur Behauptung wird.
In den Kompositionen und Improvisationen des Harrycane Orchestra entstehen Klangräume, in denen Trauer, Wut, Erinnerung und Sehnsucht nebeneinander existieren können.
Es gibt keine einfache Auflösung.
Keinen künstlichen Frieden.
Aber immer wieder einen Horizont.
Ein Motiv taucht auf.
Eine Stimme beginnt.
Ein Rhythmus setzt ein.
Etwas bewegt sich.
Gegen die Sprachlosigkeit
Was kann Kunst angesichts von Gewalt, Zerstörung und menschlicher Gleichgültigkeit überhaupt ausrichten?
Vielleicht nicht viel.
Ein Konzert beendet keinen Krieg.
Ein Lied verhindert keine Gewalt.
Eine Melodie verändert keine politischen Machtverhältnisse.
Und trotzdem bleibt die Musik.
Weil Schweigen auch keine Antwort ist.
Also spielen wir.
Wir singen.
Wir improvisieren.
Wir suchen nach Klängen für Dinge, für die es manchmal keine Worte gibt.
Nach einem Klang für die Wut.
Für die Trauer.
Für die Erinnerung.
Für die Fremdheit.
Und vor allem für diese hartnäckige, beinahe widersprüchliche Sehnsucht nach einem anderen Zustand.
Aman, aman …
Vielleicht bedeutet dieser Ausdruck alles zugleich:
Oh Welt.
Was machst du mit uns?
Warum bist du so grausam?
Und warum hoffen wir trotzdem weiter?Das Harrycane Orchestra gibt dieser Frage keinen endgültigen Namen.
Es gibt ihr einen Klang.
Und solange diese Sehnsucht nach Verständigung, Frieden und Menschlichkeit nicht verschwunden ist, wird sie weitergespielt.
„Es scheint unmöglich, mit Kunst die hemmungslose Zerstörung der Welt aufzuhalten oder diese unerträgliche, alltägliche Eskalation der Gewalt zu verhindern.
Aber wir werden nicht aufhören, mit unserer Musik dieser Sehnsucht einen Klang zu geben.“
Tarkan Yeşilbalkan
